Wer ist Stuttgart?

Wer ist Stuttgart? Und was bedeutet das für die Menschen, die hier leben? Zwischen 2008 und 2011 setzte sich der Stuttgart Salon diese Fragen zum Thema, überzeugt, dass wertschätzende Gespräche Menschen motivieren, Ideen und Engagement zu verbinden. Der Stuttgart Salon ist eine Initiative, ein Engagement und ein Format von curious minds und zeigt, wie Lernen stattfinden kann.
Member of NewWork NewCulture.networks

Dienstag, 7. Juni 2011

Die ver-rückte Stadt

„Während anderswo in Europa die Eliten eher die Wut der Vorstädte, der Wohlstandsverlierer fürchten mußten, waren sie in Stuttgart mit einer wachsenden Gruppe rebellierender Fachleute konfrontiert. Und wer noch kein Fachmann war, der wurde einer.
…. Was sie erlebten, war ein Gegenbeweis für jene alte Theorie, die Macht würde von den Wissenden ausgehen. Denn die Wissenden waren sie ja selbst. Somit war der Schwindel offenkundig: Jeder konnte erkennen, wie sehr die Macht auch ganz ohne Wissen funktioniert und daß jener Gedanke Nietzsches Bestand hat, der die Macht als Folge des Willens sieht. Der Wille erzeugt die Macht, nicht das Wissen, nicht die Bildung.“
Zitat von Heinrich Steinfest (Wo die Löwen weinen, Kriminalroman)

Ver-rückt – es hat sich etwas verschoben in Stuttgart, und damit auch die Perspektive. Unabhängig von den Gründen, die den Politikwechsel im Land tatsächlich ermöglicht haben, haben sich die Menschen in Stuttgart in den vergangenen Monaten und Jahren verändert. Nicht nur die, die eine vorbildhafte Lernoffensive demonstriert haben, die einfach passiert ist. Man bemerke: Ohne viele Experten, die mit viel Getue und TamTam ein poliertes, perfekt abgestimmtes professionelles Spektakel inszeniert haben. Nein. Die Empörung selbst war Antrieb genug, miteinander zu reden, zu teilen, zu begeistern, zu studieren, beharrlich dran zu bleiben, eine neue Offenheit auf der Straße zu erleben, die zu einer für Stuttgart ganz ungewöhnlichen Gesprächigkeit mit Fremden geführt hat. Ich persönlich meine, dass die Sinnfrage die Empörung und das Lernen erst ermöglicht hat. Wie möchte ich leben? Wie möchte ich behandelt werden? Was ist mir wichtig? Die Ungeniertheit der Strippenzieher erweckte die Empörung erst in dieser Solidarität. Stuttgart hat den Aufruf Stéphane Hessels „Empört euch!“ gelebt. Doch was folgt darauf?

Die Stuttgarter Kunstszene zumindest erfährt eine Belebung. Auch die Kreativität der Bürger ist explodiert, eine neue Atmosphäre ist zu spüren in der Stadt, die entstehenden Subkulturen bisher nur zu gerne den Boden unter den Füßen weggezogen hat – und der Bauzaun kam ins Museum.

Es haben sich auch jene verändert, die nicht Teil der gewaltigen und vorbildhaften Lernoffensive waren. Die S21 Befürworter, die sich auf die alte Art des Campaignings fokussiert hatten – die mit dem richtigen Marketing schon die Stuttgarter überreden würden – auch sie haben sich verändert. Bisher zuverlässige Automatismen stottern und auch das muss eine Wirkung auf die Wahrnehmung haben. Experten wurden zu Ver-rückten, die in einer neuen Wirklichkeit aus veränderten globalen Zusammenhängen und lokalen Verschiebungen ihre Thesen nicht mehr sinnvoll andocken konnten.

Doch was folgt darauf? Grundloses Handeln um irgendetwas zu bewegen? Oder – Brot in flüssigen Parmesan dippend ;-) – im Salon den Zusammenschluss starker Akteure und neue Ideen zu diskutieren– über das Leben wie wir es wollen, über demokratische Grundlagen und eine lebenswerte Zukunft. Dazu zumindest finden schon erste Ideenaustausche statt und der nächste stuttgart|salon wird sich – nachdem wir jetzt festgestellt haben, dass Stuttgart tatsächlich ver-rückt ist – dem Gespräch widmen, konkrete Ideen zur Veränderung zu diskutieren. Ganz nach dem Motto der neuen Thesen von Stéphane Hessel: „Engagiert euch!

Die Gäste des stuttgart|salons waren: Maria Arenz, Thorsten Puttenat, Annette Ohme-Reinicke, Tanja Maria Ernst, Klaus Gebhard, Marga Biebeler und Felicia Copaciu. Danke an alle, die den Abend durch Ideen und Anwesenheit gestaltet haben! Danke an Heinrich Steinfest, der mit seinem Krimi „Wo die Löwen weinen“ für Inspiration, treffende Beschreibungen und Erheiterung sorgte! Und danke an Harald und Felicia, die den stuttgart|salon im Rahmen der Nachhaltigkeitswoche bei Coworking0711 beherbergten!

Keine Kommentare: